Montag, 9. Juni 2014

Gesehen: Boyhood

Ein heißer Sonntagnachmittag. Es klingelt. Erdbeeren und Vanilleeis stehen für unsere Kinder und die Babysitterin bereit. Die Kinder plantschen draußen, malen oder sind am Computer. Kurze Übergabe, dann schwingen der Liebste und ich uns in unseren Siebensitzer mit den drei Kindersitzen hinter uns im Fond. Zeichen von unserem Leben mit einer großen Familie.

Im Lieblingsprogrammkino holen wir unsere Kinokarten und gehen noch einen Eiskaffe trinken. Der Himmel verdunkelt sich. Ein frischer Wind kommt auf. Unsere Zeit allein als Paar ist kostbar und knapp. Wir waren noch nie einfach nur zwei frisch Verliebte. Wir hatten jeder schon einmal eine Familie und jeder von uns hat jeweils ein Kind und die eigene Geschichte unsere Patchworkfamilie gebracht. Ganz viel "Weißt Du noch?" lag schon hinter uns, bevor unser gemeinsames  "Weißt Du noch?" begann. Und je mehr Kinder dazukamen, desto mehr unvergessliche Momente sind dazugekommen.

Der Film "Boyhood" erzählt die Geschichte eines heranwachsenden Jungen. Es ist aber nicht nur die Geschichte, die diesen Film so besonders und einzigartig macht. Es ist das bewundernswerte Projekt des Regisseurs Richard Linklater, der sich in seinen herrlich langsamen Filmen gerne Zeit nimmt, um seine Geschichten zu erzählen. Eindrucksvoll gelungen ist ihm das schon in der Trilogie: "Before Sunrise", "Before Sunset" und "Before Midnight" in denen dieselben Schauspieler in einem Zeitraum von 18 Jahren immer wieder miteinander gefilmt wurden.

"Boyhood" wurde über 12 Jahre lang gedreht. Immer ein paar Tage im Jahr. Der Film ist ein Stück Zeitgeschichte. An allen Schauspielern ist diese lange Zeitspanne gut zu erkennen. Am deutlichsten an dem Jungen Mason, der anfangs 6 Jahre alt ist, mit seinem Freund BMX- Rad fährt und mit seiner nervigen Schwester ein Zimmer teilt. Die Eltern leben getrennt und bald steht ein Umzug an, weil seine Mutter nochmal studieren will und deshalb in der Nähe ihrer Mutter wohnen will.

Der Vater kommt und holt die Kinder mit seinem coolen schwarzen Sportwagen ab. Sie gehen bowlen und essen Pommes. Im Rahmen seiner Möglichkeiten kümmert er sich, zeigt Interesse am Leben seiner Kinder. Die Mutter heiratet erneut. Eine Weile geht es gut, das Leben mit dem neuen konservativen Mann und seinen zwei Kindern. Dann klappt es nicht mehr, das Leben geht weiter, die Männer kommen und gehen, Schulfreunde auch. Nachrichten der Weltgeschichte werden eingeflochten, der Game- Boy geht, die X- Box kommt. Da ist Mobbing, da ist die erste Liebe. Am Ende ist aus dem kleinen Jungen mit der Stupsnase ein großer junger Mann geworden, der seinen Schulabschluss feiert, zu Hause auszieht und sein Wohnheimzimmer im College bezieht.

Was bleibt? Ein Kaleidoskop von Momenten. Von verpassten Chancen und von neuen Möglichkeiten. Von Trennungen und Neuanfängen. Es sind gar nicht die großen weltbewegenden Dinge, die ein Leben ausmachen, das zeigt dieser wunderbare Film ganz hervorragend. Die Dinge passieren und stehen im Film unkommentiert nebeneinander. Ob schlimm oder schön, sie machen das Leben des Jungen aus.

Weißt Du noch? Eine Hand auf der Schulter. Ein zugesteckter Geldschein. Eine Umarmung bei Sonnenaufgang. Ein Bad im Fluss. Ein Lied, zusammen gesungen. Der erste Rausch. Ein Lagerfeuer. Ein Streit. Ein Kuss. Die Porzellandosen im Küchenregal, die da immer standen, egal, in welcher Wohnung. Weißt Du noch? Es sind die ganz kleinen Momente, eine Geste, ein Satz, ein Geschenk, zusammen verbrachte Zeit, an die man sich am Ende erinnert.

Als wir das Kino nach drei Stunden verlassen, blendet uns die Abendsonne direkt ins Gesicht. Die Luft dampft. Von den Bäumen tropfen tausendfach glitzernd die Überbleibsel des Unwetters, von dem wir im Kino nichts mitbekommen haben. Ich weiß nicht, ob es das gleißende Licht ist oder meine vom Weinen verquollenen Augen, warum ich nichts sehen kann. Wahrscheinlich beides zusammen.

Ich habe schon einen Sohn, der fast erwachsen ist. Vielleicht ist mir deshalb die Geschichte des Jungen im Film so nahe gegangen. Und auch die Geschichte meiner Beziehungen war nicht gradlinig. An was sich meine Kinder erinnern werden, wenn sie alt sind, weiß ich nicht. Jedes meiner Kinder wird sich, bei ähnlicher Kindheit, an ganz unterschiedliche Dinge erinnern. Ich kann höchstens versuchen, ihre Erinnerungen in eine positive Richtung zu lenken. Vor Kummer und Leid werde ich sie dennoch nicht bewahren können. Was zählt ist aber: das Leben geht weiter und weiter. Sie werden ihren Weg gehen, auch wenn wir noch nicht wissen, wohin er führt.

Ein großartiger Film. So wahr und weise. Er hat mich tief berührt.


















Kommentare:

  1. Ich habe sogar zwei Kinder die fast erwachsen sind und heule beim lesen Deines Artikels-
    Hach wie die Zeit vergeht.
    Danke und einen schönen Sonnentag

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  2. ich hab im Radio über den Film gehört.. ich fand's interessant, dass die Schauspieler wirklich nur alle Monate mal zusammengekommen sind um zu drehen und weder sich, noch Teile des Films zwischendrin gesehen haben.. muss bestimmt auch eine interessante Erfahrung sein..

    liebe Grüße
    shira

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  3. Vielen Dank, dass Du das so sehr eingehend und sensibel beschrieben hast. Jetzt weiß ich, dass ich mir diesen Film unbedingt auch anschauen muss. Ich grüße Dich ganz herzlich und wünsche Dir und Deinen Lieben noch einen schönen Pfingstmontag - Elke

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  4. Warte schon sehnsüchtig auf diesen Film. Leider dauert es in einer Kleinstadt, bis neue Filme gezeigt werden. Die Triologie des Regisseurs habe ich ebenfalls gesehen und war tief berührt.
    Danke, das du deine Gedanken mit uns teilst.
    Liebe Grüße
    Che Vaux

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  5. Sehr schöner berührender Text, der mich, selbst aus einer Patchwork-Familie stammend, sehr neugierig gemacht hat. Ich denke, jeder Mensch trägt sein Päckchen und manches haben wir auch als Eltern nicht im Kreuz. So hat meine Schwester zum Beispiel ganz andere Themen innerhalb der Familie als ich. Viele liebe Grüße. Tina

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  6. Gestern den Film endlich gesehen und dann nochmal deinen schönen Text dazu gelesen.
    Ich fand ihn auch berührend, weil ich die Details so gut beobachtet fand. Wie die Haare des Jungen sich ändern, wie die Geschwisterentwicklung ist... alles so nachvollziehbar und unspektakulär. Toll!

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